
Um gegen den Flughafenausbau, Über-Tourismus und Mietenwahnsinn in Barcelona zu protestieren, hatten Adbuster*innen aus Barcelona sich eine spannende Adbusting-Aktions-Idee: Plakate in Werbevitrinen zu einem Papierflieger falten und auf die dadurch frei werdende Fläche „Caiguda Lliure“ oder „Free Fall“ kritzeln. Wir haben bei der Aktion mitgemacht. Sie lief leicht aus dem Ruder: Zwei Verhaftungen, drei Identitätsfeststellung und die Cops haben vermutlich alle Daten der Konferenzteilnehmerinnen abgegriffen. Die Verfahren sind mittlerweile eingestellt. Was wir daraus gelernt haben.

Unterstützung auf Konferenz gesucht
Wir waren in Barcelona auf dem „Ban fossil Ads gathering„. Für ihre Aktion suchten die Adbuster*innen unabgesprochen mit den Organisator*innen der Konferenz Unterstützung im Publikum: Wir waren sofort dabei. Am vereinbarten Ort im Zentrum Barcelonas gab es zur vereinbarten Zeit ein kurzes Aktionsbriefing. Die Adbuster*innen von Barcelona sind hoch organisiert: Sie haben z. B. sehr beeindruckende Internet-Karten der Stadt, die die Werbevitrinen und auch den zum Öffnen notwendigen Schlüssel zeigen. Die Locals erklären uns , wie wir die Kästen öffnen, welche Schlüssel man braucht und mit welcher Origami-Technik wir die Poster in den Vitrinen falten sollten. Ein Tutorial findet ihr hier:
https://greenwashing.art

Bundeswehr-Bezug?
Wir überlegen, ob man den Papierfliegern nicht einen Bundeswehr-Bezug geben kann. Hier die ersten noch ausbaufähigen Experimente:

Falls ihr Ideen habt, wie daraus eine stimmige Aktion wird: Bitte gerne eine E-Mail an w2a@riseup.net
Fragen stellen?
Über die Aufregung eine Aktion in einer unbekannten Stadt durchzuführen, vergaßen wir leider uns mit den lokalen Bedingungen auseinanderzusetzen. Ein paar Nachfragen an die Organisator*innen zum Aktionsort und Rechten gegenüber der Polizei hätten für mehr Aufmerksamkeit und Sicherheit gesorgt. Unsere Partner*innen aus Barcelona hätten sie sicher gerne beantwortet, wenn wir Interesse gezeigt hätten.

Papierflugzeuge falten
Wir machten uns also auf den Weg durch das nächtliche Barcelona. Das war sehr spannend, mit neuen Leuten sowas zu machen. Klappte auch alles ganz okay. Die Werbevitrinen lassen sich viel leichter öffnen als hier bei uns in Berlin. Die sind viel weniger schrottreif. Die Aktion wirkt auch: Ein paar Leute bleiben stehen und schauen sich die Papierflugzeuge in den Werbevitrinen an. Wir kommen rasch voran. Unsere Route ist recht schnell abgearbeitet. Polizeikontakt oder sonstige Probleme haben wir keine. Doch das ist leider nicht bei allen Teams so…

Zwei Festnahmen
Doch am Plaça de Catalunya, einem der Hauptplätze Barcelonas, wird die Polizei auf die Papierflieger aufmerksam. Gleich mehrere Polizeibusse bleiben vor Ort stehen. Die ausschwärmenden Polizisten halten eine Person aus Frankreich und eine Person aus Deutschland an.
Kommunikationsprobleme
Erste Versuche der beiden Betroffenen, sie auf ihre nicht vorhandenen Spanisch- oder Katalanisch-Kenntnisse hinzuweisen, halten die beiden Polizisten erst mal für Spaß. Doch als sie nach den Ausweisen fragen, kommt für sie die Überraschung: Der vorgehaltene Ausweis sieht anders aus. Ihre Reaktion: „Passport!“ Auf die Wiederholung, dass sie nen Ausweis wollen, sagt der eine angehaltene „German Passport“. Kurz darauf stellt sich auch heraus warum: Die Cops können kein Englisch.
Also werden die vermutlichen Adbuster*innen zu den beiden Transportern gebracht. Unter den 15 Cops, die die beiden dort überwachen, finden sich zum Glück der Betroffenen auch drei, die Englisch sprechen können. Den Polizisten ist die Überraschung und vor allem Genervtheit ins Gesicht geschrieben. Sie halten den beiden Aktivist*innen vor, warum sie nicht bei sich zuhaus in Frankreich oder Deutschland solchen Unsinn treiben.
Perspektivenwechsel
In anschließenden Gesprächen bewertet einer der Betroffenen sein Erleben so: „Das ganze fühlt sich recht unsicher, unangenehm und bedrohlich an. Alles nur, weil die Personen die Landessprache nicht sprechen, sie die rechtlichen Gepflogenheiten nicht kennen, und sich ihre machtvollen und bewaffneten Gegenüber auch nicht besonders viel Mühe geben, angemessen mit der Situation umzugehen.“ Die Schilderungen der Betroffenen sind eine lehrreiche Erfahrung für uns: Aktivistis sind meistens weiße Bildungsbürgerinnentumskinder (wie wir), denen eigentlich nicht viel passieren kann. Wie müssen sich in Berlin erst Geflüchtete oder People of Color in Polizeikontrollen fühlen, die ähnliches erleben müssen?
Selektive Durchsuchung
Die Cops durchsuchen, was die Betroffenen am Körper tragen. Sie fangen an, die Tasche der einen Betroffenen auseinanderzunehmen und die Sachen auf den Boden auszubreiten. Sie schauen alles ganz genau an und hinein. Das dauert… Doch die Cops finden zwei Telefone und sind sehr begeistert. Vor lauter Begeisterung und Eifer vergessen sie die Durchsuchung der Tasche der zweiten Person.
Hostel sagen?
Besonders interessiert die Cops, wo die beiden Betroffenen wohnen. Jetzt wirds brisant: Fast alle internationalen Teilis der Konferenz sind im selben Hostel untergebracht. Jetzt gehts also um die Sicherheit aller Konferenz-Teilnehmer*innen, von denen die meisten noch nicht einmal von der Aktion wissen. Um das Hotel heraus zufinden, droht er sogar den beiden mit Gefängnis: „Sonst muss ich dich festnehmen!“
„Shut the fuck up!“
Nun kommen zwei höherrangig wirkende Cops. Die eine wiederholt die Forderung des Kollegen, zu sagen, in welchem Hotel die Betroffenen wohnen. Und das sie das doch beantworten sollen. Eine Betroffene hat in dem Moment eine geniale Idee: „Muss ich das sagen?“ Die Kommissarin schweigt und fängt an zu grinsen. Ihr Kollege im Hintergrund, der auch Englisch kann, pöbelt laut „Shut Up! Just shut the fuck up!“
Dienstnummern?
Die Betroffenen erblicken die Dienstnummern auf den Uniformen. Sie fragen nach, ob sie Karten davon bekommen können, oder was zum Notieren. „Nein, sie können sie sich die doch merken!“ ist die Antwort. Auch wie in D-Land… Zum Glück sind die Nummern wirklich leicht merkbar: 22268, 10900, 50631… Oder wars doch 22280, 10800, 15631?
Unterschreiben?
Nach etwas mehr als einer Stunde ist der Spuk vorbei. Die Betroffenen dürfen ihr Zeug zusammen suchen und einpacken. Die Cops fragen noch, ob die Betroffenen einen Zettel unterschreiben wollen. Doch es gibt einen Lerneffekt: „Müssen wir das unterschreiben?“ Keine Antwort, keine Unterschriften.
Wildes löschen
Die Cops dampfen ab. Die Betroffenen dürfen gehen. Die Betroffenen schicken eine Nachricht in die Chatgruppe der Konferenz und schildern ihr Erleben in knappen Worten. Statt sinnvoller Beiträge, die sich um die Betroffenen kümmern, gehts das wilde Löschen von Bildern und Beiträgen los. Einige verlassen die Konferenz-Gruppe vorerst.
Daten im Hostel abgegriffen?
Den Cops gelang es bereits während der Maßnahme gegen die beiden Betroffenen leider doch irgendwie, heraus zu finden, in welchem Hostel die beiden übernachten (Hostel-Key-Cards in der Geldbörse?). Noch während der Maßnahme tauchten zwei Streifen im Hostel auf. Die Cops bedrängen die Rezeption erfolgreich, ihnen Daten auszuhändigen. Welche genau? Wissen wir leider nicht. Potentiell die ganze Konferenz: Samt Zimmer-Belegung und Ausweis-Kopien…
Zivicops am Arsch
Die Betroffenen sind immerhin wieder frei. Was sie nicht wissen: Sie haben Begleitung durch Zivi-Cops, die von nun an ihnen kleben… Doch was dann passierte, schildern wir im nächsten, den 3. Teil unserer mehrteiligen super spannenden und aufregenden Bracelone-Saga!
Mehr Infos:
Spektakulärer 1. Teil unserer aufregenden Bracelone-Erlebnis-Saga, der die Paper-Planes-Aktionsplanung und Wirkung interessant in Szene setzt:
https://antifawerkstatt.noblogs.org/post/2026/04/06/adbusting-in-barcelona-mit-papierflugzeugen-gegen-den-flughafenausbau-teil-1/
Soli-Poster in Barcelona wegen Gerichtsprozess in Berlin:
https://antifawerkstatt.noblogs.org/post/2025/10/01/adbustings-basteln-in-barcelona/
Ganz viele Bilder der Paperplanes-Aktion:
https://multimedia.ecologistasenaccion.org/Catalunya/Cauen-avions-a-Barcelona